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1001 Traum II2024-05-29T12:37:20+02:00
Foto: pixabay

„Die Welfin“

In jenem Traum begegnete ich  – in gebührendem Abstand – einem unbekannten Tier. Der Ort, den ich aus einem unerfindlichen Grunde aufsuchte (Impuls), befand sich „draußen“, abseits des Geschehens, am Anfang oder Übergang zur Wildnis. Ihn zu betreten war für mich ziemlich „unkommod“ (Original Ton) – unpässlich, ungelegen. Der Boden zu meinen Füßen war uneben, erdig, steinig, teils matschig. Da ich mich gerade von einer Feier abgesetzt oder von einer feinen Gesellschaft entfernt hatte, waren meine feinen Schühchen etwas fehl am Platze. Innerlich schwankte ich noch, ob ich es riskieren sollte, sie schmutzig zu machen. Aber egal, wenn ich schon mal hier war…. (Entscheidung)

Und dann tauchte sie auf, die Welfin. So lautete die nonverbale Information. Nein, ich hatte mich nicht „verhört“, es nicht falsch verstanden. Und ich hatte das „Gehörte“ bzw. das Vernommene auch nicht umgedichtet, es nicht Sinn entstellend korrigiert. Obwohl es naheliegend war. Einerseits war es ein Eigenname, andererseits eben etwas, was ich nicht kannte. Diese Welfin sah aus wie ein großer Hund, doch es handelte sich ganz klar um ein Wildtier. Ein Wolf war sie auch nicht und ich wusste, sie tat mir nichts. Im Gegenteil, sie war eher scheu. Traumende.

Für diesen Ort im abseits war ich unpassend gekleidet, ich selbst war es nicht. Umgekehrt wurde ein Schuh daraus, aber erst viele Jahre nach dem Traum. Demgegenüber war der adrette Ort, den ich im Traum mit einer gewissen Leichtigkeit oder Selbstverständlichkeit verließ, für mich gar nicht so passend wie es aussah, oder wie ich dachte. Wenngleich die Anpassung perfekt war.

Die Frage, wo ich eigentlich hingehörte, nahm Grunde den ganzen Lebensraum ein. Hier aber stellte sie sich nicht, tauchte nicht auf. Jedenfalls nicht hörbar oder sichtbar. Auch sie war eher scheu. Es musste einen Grund haben, warum der Traum mir auch dieses Wort geliefert hat, auch darüber stolperte ich erst Jahre später. Das Wesentliche dieser Art von Information ist wie die Welfin – unvorhergesehen, unaufdringlich, zurückhaltend, aber anwesend. Und sie macht sich auf ihre Weise auf den Weg ins Bewusstsein.

Der Ort, den ich aufsuchte, erzählte auch etwas von dem zurückgelassenen Ort. Die beiden bildeten einen Kontrast, standen sich gegenüber, wie mir das unbekannte Tier plötzlich gegenüber stand. So unkommod der eine Ort war, so kommod der andere.

Die Welfin kam aus der Wildnis hervor wie ich aus meiner Zivilisation. Es gab nur einen kleinen Raum, wo wir uns treffen konnten.

Wieder erzählte ein Traum etwas über die ebenmäßige, saubere und möglichst planmäßige Inneneinrichtung, die Wohlfühlzone oder Komfortzone und ihre Begrenztheit. So ein Ort ist nicht nur ein Zustand, ein innerer Lebens- und Aufenthaltsort, sondern auch der Ort, von dem aus ich in die Welt blicke. Von hier aus scheue ich die Wahrheit, die Begegnung mit mir selbst, von hier aus scheue ich es, Fragen zu stellen, weil sie oft schon eine Antwort sind. Kaum mache ich mich auf den Weg, indem ich den gewohnten Ort verlasse, taucht sie auch schon auf, die Welfin.

Viele Jahre später, etwa 2022, kreuzte in ähnlicher Konstellation ein anderes Tier meinen Weg. Es war „Ozelot“, den ich sofort als solchen identifiziere. Diese Wildkatze war mir nicht geheuer, ich wusste, dass sie scharfe Krallen hatte und „mein Ozelot“sagte etwas, was ich nach dem Aufwachen sofort vergessen hatte. Es war wichtig, aber ich wollte es eben auch nicht hören, nicht wahrhaben. Ob Welfin oder Ozelot, die Momente der Wahrheit hatten so ihre Eigenart als auch ihre individuelle Erscheinungsform. Doch das Prinzip brachte mir die Welfin als Erste. Und es hatte einen Grund, dass dieses sanfte Wesen die erste Botschafterin war, mir das Prinzip nahebrachte. Diese Momente waren es nicht, die Schaden verursachten. Im Gegenteil…

Für den ersten Moment war die Welfin mein Traumsymbol

Die Träume waren immer faszinierend und wirkten, ohne dass ich es anfangs in Worte fassen konnte, wie ein Freund von ganz besonderer Natur. Von Anfang an spürte ich, dass sie mir nichts taten aber auch nie etwas versprachen. Wahrscheinlich machte sie gerade das so vertrauenswürdig. Laut / gegenständlich gesprochene Worte blieben eher die Ausnahme, das Meiste war nonverbale Information, nonverbale Kommunikation oder Bewusstsein. Die Träume wollte ich unbedingt kennenlernen. Das brauchte unter anderem Zeit (Geduld) und Beobachtung, was anfangs nicht besonders gut funktionierte. Da ich noch in meiner gewohnten inneren Umgebung verhaftet war, wollte ich immer schnell eine Lösung haben. Richtiger wäre zu sagen, dass ich schnell eine Lösung brauchte und zwar für Dinge, die ich mein halbes Leben habe liegen lassen, wenn ich sie denn überhaupt bemerkt habe. Ein Kontrast, der zu nichts führte, weil es erst gar keiner war.

Ihr scheues Wesen sprach Bände – Rückte ich den Träumen zu vehement zu Leibe, in meiner gewohnten Weise zu Denken und zu Sehen, entzogen sie sich bzw. blieben verschlossen. Oft erkannte ich die Gewalt nicht, die ich ausübte, um ihrer Botschaft habhaft zu werden. Die Träume waren ein wahrer Kontrast zu mir, den ich nicht beim Namen nennen musste. Sie übten in aller Stille und Sanftheit ihre gewaltfreie Kraft auf mich aus. Diesem Prozess hatte ich jedoch teils bewusst, teils unbewusst, zugestimmt. Sie waren im Grunde alles, was ich nicht kannte, obwohl das mein wahres Wesen war. Während ich das wirklich Fremde in mir verkannte, beherbergte, pflegte und schonte. Ob Träume oder Welfin – sie hatten ihre eigenen Regeln. Bedingungslosigkeit, Geduld, Wahrhaftigkeit und wahre Freiwilligkeit waren einige davon.

Dieser Traum hatte mit vielen anderen gemeinsam,

dass sich seine Information erst im Laufe der Zeit entpackte, diese quasi freiwillig freilegte. So wie ich mich freiwillig neuen Regeln zuwandte, sie lebte, mehr unbewusst als bewusst. Diese inneren Ortswechsel mitsamt ihren Perspektivwechseln dauern so lange, wie sie eben dauern. Den Kern eines Traums zu finden, war und ist immer ein ganz eigener Weg. Es ist gleichbedeutend damit, den eigenen Kern zu finden. Genauer gesagt, die eigene Wahrheit finden zu wollen.

Der Kern ist ein Ganzes, ein System

Das Drumherum oder die Oberfläche einer Information war nicht minder wert oder minder wichtig, im Gegenteil. Alles ist Teil eines Ganzen, nichts durfte fehlen. So ein Kern war zwar das Innerste und Letzte was ich jeweils fand, aber ohne das Erste gab es das Letzte nicht. Ohne das Naheliegende gab es das am weitesten Entfernte nicht und ohne die äußere Hülle war ein Kern auch kein Kern. Im Prinzip war es aufgebaut wie Mathematik – hatte ich den Anfang nicht verstanden oder falsch verstanden, würde ich wohl immer zu einem Ergebnis kommen, aber nie zum Richtigen. Richtig im Sinne meines persönlichen Kontext.

Eine gewisse Zeit würde ich es gar nicht merken, dass meine Ergebnisse falsch sind bzw. meine Grundlage. Tatsächlich konnte daraus ein „stabiles“ Gebäude werden, das jedoch an Tag X „plötzlich“ und unerwartete zusammenfallen würde. Dieser Hinweis bzw. Werdegang tauchte 2016 auf in dem Traum: „Unvorbereitet in Prüfung“(Ausgerechnet Mathematik) Einen Traum mit Namen „Rückkehr der Wölfe“ gab es auch, wo sie tatsächlich für meine Ängste Symbol standen. Diese zu spüren oder zu erkennen, davon war ich zu jener Zeit noch sehr weit entfernt, so dass ich mit diesem Traum sehr wenig anfangen konnte. Alle Träume waren im Grunde schon mal da, lange vor ihrer bzw. meiner Zeit und sorgten an Tag X für einen wichtigen Kontrast, eine Erkenntnis. Das mit dem Kopf verarbeiten zu wollen, war zum Scheitern verurteilt und ich ließ mich immer mehr auf den anderen Weg ein, auf die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der inneren anderen Seite.

Das ständige Gegenüber und Nebeneinander

neben der Freude und Faszination für die Träume, lösten viele von ihnen „ganz klar“ negative Emotionen aus. Sie waren „…ganz klar ein Wildtier..“, sahen aus wie ein Wolf. Zum Teil erschreckten sie mich, waren verstörend, beängstigend, beschämend, eine Zumutung, extrem unbequem oder es beschlich mich ein ungekanntes, unheilvolles Gefühl. Doch sie taten mir nichts, im Gegenteil – sie taten sehr viel für mich. Sie waren die Botschafter, die Überbringer, die Erzähler oder Zeugen dessen, was ich beizeiten wissen musste. Ihr Wesen war es nicht, das so zerstörerisch oder gefährlich war.

Daneben, neben dem übergeordneten Gefühl, persönlich angesprochen zu sein, hatte ich bei zahlreichen Träumen das Empfinden, sie mussten sich in der Adresse geirrt haben. Etwas betraf mich von Grund auf nicht und auch nicht im Entferntesten. So war das, wenn ich mich am falschen Ort aufhielt bzw. in einem Zustand war, von dem ich dachte, es gäbe nur diesen und alles andere sei nicht existent.

***EXKURS Orientierung – Nun hatte ich das Wort „neben“ gewählt und überlegte, ob es falsch war. Müsste es gegenüber heißen, da es sich doch um ein konträres Traumempfinden handelte? Etwas störte gerade meine Ordnung und ich machte eine Pause. Was stand sich hier gegenüber, was nebeneinander, was gehörte wo hin?  Die Grenzen verschwammen. Hier also ging es in die Wildnis, die ich im Traum eher schemenhaft wahrgenommen hatte, hier hängte mich die immer währende andere Seite ab. Wo eben noch Logik, Ordnung oder Klarheit herrschte, fiel sie im nächsten Moment zusammen. Umso wichtiger wurde die Frage nach dem Moment.  *** 

Das Gefühl für einen einzelnen Traum war immer anders, so vielfältig wie sie selbst, keiner wiederholte sich je. Das übergeordnete Empfinden für die Träume einte mich jedoch – sie waren mein Freund, dem ich vertraute, egal was er erzählte. Sie kamen aus meiner Wildnis, dem Bereich, zu dem ich keinen Zugang habe, diese Bereiche liegen aus der Weite betrachtet beieinander. Zugleich bilden sie mein Gegenüber, den Kontrast zu meiner Welt, die ich kenne und mir denkender Weise herstelle. Die Träume erzählen mir etwas über Dinge, die ich nicht überblicke, von dem Unebenen, dem Ungleichmäßigen und auch dem Matsch und Dreck unter meinen Füßen.

Später stellte sich heraus, dass mir die weit entfernten Träume schlicht zu nahe gingen, zu gefährlich waren, um sie in meinen Bereich zu lassen. Kein Traum hatte sich in der Adresse irrt, sie kamen schließlich nicht von irgendwo her, nicht von draußen. Gewiss setzen sie das um, was von außen in mich einströmt. Das Gefühl der falschen Adressierung war jedoch in dem Moment meine Wahrheit. Und sie lautete, dass ich noch nicht so weit war, sie mir mehr schadete als nützte.

Die Welfin blieb nicht die einzige Botschafterin, die mitteilte: Wenn etwas werden will, etwas sein soll, wenn Dein wahres Leben entstehen soll, braucht es ein wahres Gegenüber. Und zwar ein Ungleiches. Ein Kontrast. Das was ich suche und an meinem „kommoden Ort“ nicht finde, ist das Sein. Die Welfin tauchte auf, weil ich mich auf den Weg machte.

Die Begegnung beruhte auf Gegenseitigkeit.

 

Die

Welfin

 

 

privat

 

 

Der Kern zerfiel wieder in mehrere Kerne…

und eigentlich erzählten sie so viel, dass hier noch lange nicht Schluss war. Aber irgendwann wurde aus Komplexität Verwirrung, aus einem Wald ein Dschungel, aus einem Ausflug ein gefährlicher Trip.

Die Wahrheit der Wahrnehmung & die Wahrheit des Moments

Im Traum kam die Welfin von der anderen Seite als auf dem Bild, das ich dazu gefunden und ausgesucht hatte. Im Laufe der Zeit würde sich diese Anordnung verlieren, ich würde sie vergessen. Aber irgendwie war abgespeichert, dass sie grundsätzlich von der anderen Seite käme.

Wenn ich mir nun für die nächste Begegnung festes Schuhwerk anzog, um besser auf diese Landschaft vorbereitet zu sein, würde sie sich nicht blicken lassen. Ich veränderte den Moment, während sie ihre eigenen Gesetze hat. Es ist leichter zu sagen, wie es nicht funktioniert. Nie so, wie ich denke, erwarte oder mir vornehme. Auf bestimmte Momente kann ich mich nicht vorbereiten. Ein Gewöhnungseffekt oder eine Routine würde nicht einsetzen, schon gar keine Berechenbarkeit.

An dem gepflegten Ort, an dem ich mich für gewöhnlich aufhielt, wohnten viele Hindernisse und Barrieren, um diese andere Seite, diesen anderen Raum oder Ort zu finden. Auto-Korrektur, quasi eine automatische Anpassung und Selbstkorrektur, Erwartung, Generalisierung, Bewegungsphobie, Konsum und Ablenkung, Suchtverhalten, ungesehene, unerkannte Ängste – um einige zu nennen. Außerdem wollte ich alles in meiner gewohnten Sprache und meiner gewohnten Denkweise haben. Vom Sein war sowieso nie die Rede.

Der richtige und klare Moment, der ganz leicht zu erreichen war

Dass er aufgrund seiner unbequemen Natur, seiner Unwegbarkeit und womöglich seiner Unzeiten so leicht zu verpassen war, das wusste ich. Aber was die Sache wirklich schwer zugänglich machte, war der feste, unbewusste Glaube daran, dass es so schwierig für mich war. Der Traum zeigt die wahre Leichtigkeit.

Dass dieser Begegnungsraum auf seiner anderen Seite, in Richtung Wildnis, ebenso leicht zu einer Falle für die Klarheit wurde, zu einem Fangnetz für Verstand und Psyche, das war mir nicht klar. Noch eine lange Zeit nach dem Traum nicht. Angst davor hatte ich auch keine, nicht einmal Bedenken und das war nicht gut. Es bedeutete, dass ich keine Ahnung hatte von den Risiken und Gefahren, denen meine Psyche ausgesetzt ist. Ohne Grenzerfahrung kein Bewusstsein.

Zum Thema „Angst /Freund und Feind“ – gab es im Prinzip nur zwei Hauptträume, die sich gegenüber standen. „Rückkehr der Wölfe“ und „Fearless“.

Um diesen Raum der Begegnung oder der Wahrnehmung „zu treffen“, ihn zu finden, um seine Weite wie auch seine Grenzen wahrzunehmen, braucht es nicht viel. Viel weniger als ich denke. Hier wohnt das Potential, das ich suchte, während ich generell etwas anderes erwartete. Der Traum als Überbringer hatte das Potential, diese Momente zu einer neuen Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Obwohl ich damit rechnen musste, dass die Welfin immer wieder so auftauchen würde, als wäre es das Erste Mal.

All diese Kontraste dienen mir, um mich zu orientieren, um mich sicher im Leben zu bewegen, um zu wissen, was mir schadet und was nicht.

Letztlich um zu wissen, was ist ein Kontrast und was eine Idiotie, was ist eine Wahrnehmung und was ein Hirngespinst.

Die Übergänge sind marginal und fließend. Seltsam jedoch ist,

dass ich mich in den Extremen relativ sicher und wohl fühle, aber diese Begegnungszone, jener Zwischenraum oft genau der Ort ist, an dem ich nicht sein will.

Vielleicht liegt es daran, dass ich ihre wahre Größe nicht erkenne, während ich die Enge der Außenbereiche nicht realisiere, sie für größer halte als sie sind.

Was ist bloß los mit meiner Wahrnehmung? Wahrnehmung ist gekoppelt an ein Gefühl für mich selbst, an das Vertrauen in ein Gefühl, an das Vertrauen in mich selbst, das Vertrauen in meine eigene Glaubwürdigkeit, den Glauben an meine Würde, an meinen Wert. Fehlt mir all dies, wie immer es abhanden gekommen ist, ist der Realitätsverlust leicht gemacht.